Rückblick
Anleihen
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichten am 18. Mai mit 4.67% ihren vorläufigen Jahreshöchststand. Am selben Tag übernahm Kevin Warsh den Vorsitz der US-Notenbank und bekräftigte die Unabhängigkeit der Fed sowie deren Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation. Bis Ende Juni gingen die Renditen wieder auf 4.42% zurück, nachdem sie Ende März noch bei 4.32% und Ende 2025 bei 4.18% gelegen hatten.
Die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen – häufig als Gradmesser für die erwartete Leitzinsentwicklung betrachtet – stiegen im gleichen Zeitraum von 3.80% auf 4.14% (Ende 2025: 3.47%). Die Fed beliess ihren Leitzins sowohl an der letzten Sitzung unter Jay Powell am 29. April als auch am 17. Juni, der ersten Zinssitzung unter Kevin Warsh, unverändert in der Zielbandbreite von 3.50% bis 3.75%. Die nächsten geldpolitischen Entscheide stehen am 29. Juli und 16. September an. Der Markt rechnet derzeit mit einer Fortsetzung der Zinspause.
Auch in der Eurozone zogen die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen zunächst an. Nach 3.00% Ende März erreichten sie am 18. Mai mit 3.19% ihren Jahreshöchststand, bevor sie bis Ende Juni auf 2.88% zurückfielen (Ende 2025: 2.86%). Die Europäische Zentralbank leitete im Quartalsverlauf eine geldpolitische Straffung ein und erhöhte ihre Leitzinsen am 11. Juni um 25 Basispunkte. Die nächsten geldpolitischen Sitzungen finden am 23. Juli und 10. September statt. Vereinzelt wird bereits im Juli mit einem weiteren Zinsschritt gerechnet.
Grossbritannien steht nach der Rücktrittsankündigung von Premierminister Keir Starmer am 22. Juni erneut vor einem Regierungswechsel – dem siebten innerhalb von nur zehn Jahren. Die politische Instabilität seit dem Brexit-Referendum bleibt damit ein prägendes Merkmal des Landes. Die Renditen zehnjähriger britischer Staatsanleihen (Gilts) stiegen Mitte Mai auf 5.20%, ehe sie bis Ende Juni auf 4.77% zurückfielen (Ende März: 4.83%). Die Bank of England beliess den Leitzins im bisherigen Jahresverlauf unverändert bei 3.75%. Die nächsten geldpolitischen Sitzungen finden am 30. Juli und 17. September statt.
In Japan stiegen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen von 2.30% Ende März auf zwischenzeitlich 2.80% Mitte Mai und schlossen das Quartal bei 2.70%. Damit erreichten die langfristigen Zinsen den höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten. Die Bank of Japan erhöhte ihren Leitzins auf 1.00% – ebenfalls den höchsten Stand seit 1995. Die nächsten geldpolitischen Sitzungen sind für den 31. Juli und 18. September angesetzt.
Die Renditen zehnjähriger Schweizer Staatsanleihen folgten ebenfalls dem globalen Zinstrend. Nach einem Zwischenhoch von 0.58% Mitte Mai gingen sie bis Ende Juni auf 0.27% zurück (Ende März: 0.36%). Die nächsten geldpolitischen Lagebeurteilungen der Schweizerischen Nationalbank finden am 24. September und 10. Dezember statt. Der Leitzins liegt derzeit bei 0.00%, und der Markt erwartet bis Ende Jahr keine Änderung. Erste Ökonomen rechnen erst im Verlauf des Jahres 2027 mit einer Anhebung auf 0.25%.

Quelle: eigene Darstellung
Kredite
Unternehmensanleihen verzeichneten im zweiten Quartal eine erfreuliche Entwicklung. Europäische Anleihen schnitten aufgrund des leicht rückläufigen Zinsniveaus im Euroraum etwas besser ab als ihre US-Pendants. Europäische Hochzinsanleihen gewannen 3.9%, gefolgt von US-Hochzinsanleihen mit 2.7%. Auch Investment-Grade-Anleihen entwickelten sich auf beiden Seiten des Atlantiks positiv und erzielten jeweils Kursgewinne von über 2%.
Im Kursverlauf spiegelte sich der markante Renditeanstieg bei Staatsanleihen bis Mitte Mai deutlich wider. Mit dem anschliessenden Rückgang der langfristigen Renditen setzte bei Unternehmensanleihen eine entsprechende Kurserholung ein.
Parallel dazu gingen die Risikoaufschläge für Hochzinsanleihen dies- und jenseits des Atlantiks deutlich zurück. In den USA verengten sich die Credit Spreads von 3.46% Ende März auf 2.75% Ende Juni, in Europa von 3.33% auf 2.70%. Dies unterstreicht die deutlich gestiegene Risikobereitschaft der Anleger im Verlauf des Quartals.
Das freundlichere Marktumfeld zeigte sich auch in anderen Segmenten des Kreditmarktes. Globale Wandelanleihen legten im zweiten Quartal um 14.9% zu und erhöhten ihre Jahresperformance auf 18.3%. Schwellenländeranleihen in US-Dollar gewannen 4.7% und machten damit die Verluste aus dem ersten Quartal mehr als wett.

Quelle: eigene Darstellung
Aktien
Die globalen Aktienmärkte entwickelten sich im zweiten Quartal ausgesprochen erfreulich. In den USA markierte der Leitindex S&P 500 am 2. Juni mit 7’610 Punkten ein neues Allzeithoch. Bis Ende Juni resultierten daraus ein Quartalsgewinn von 14.9% sowie ein Plus von 9.6% seit Jahresbeginn. Der technologielastige Nasdaq Composite legte im zweiten Quartal um über 21% zu und lag per Ende Juni 12.8% im Plus. Besonders stark präsentierte sich der Small-Cap-Index Russell 2000, der seit Jahresbeginn um mehr als 20% zulegte.
Gleichzeitig nahm die Marktselektion innerhalb des Technologiesektors deutlich zu. Für die sogenannten „Magnificent Seven“ war der Juni – mit Ausnahme von Nvidia – einer der schwächsten Monate ihrer Börsengeschichte. Nach den massiven Investitionen in Künstliche Intelligenz verlangen Investoren zunehmend den Nachweis, dass sich die milliardenschweren Ausgaben auch in entsprechendem Gewinnwachstum niederschlagen.
Auch die europäischen Aktienmärkte entwickelten sich erfreulich. Der paneuropäische STOXX Europe 600 gewann im zweiten Quartal 10.0% und lag seit Jahresbeginn 8.3% im Plus. Auf Einzeltitelebene ragten insbesondere ASML mit einem Kursanstieg von 78% sowie SAP mit einem Rückgang von 33% seit Jahresbeginn heraus.
Der Swiss Leader Index (SLI) legte im zweiten Quartal um 11.8% zu und verzeichnete im bisherigen Jahresverlauf einen Gewinn von 6.1%. Innerhalb des Schweizer Marktes gehörten VAT Group (+84%) und ABB (+48%) zu den stärksten Titeln, während Partners Group (-31%) unter den zunehmenden Vorbehalten der Anleger gegenüber Privatmarktanlagen litt.
Die Entwicklung in Asien fiel uneinheitlich aus. Während der Shanghai Composite im zweiten Quartal um 5.2% zulegte, verlor der Hang Seng 7.7%. Besonders positiv entwickelte sich der japanische Nikkei 225 mit einem Quartalsgewinn von 37% und einem Plus von über 39% seit Jahresbeginn.
Die stärkste Performance aller bedeutenden Aktienmärkte verzeichnete im bisherigen Jahresverlauf der südkoreanische KOSPI mit einem Anstieg von rund 100%, getragen von der anhaltenden Euphorie rund um die Halbleiterhersteller Samsung Electronics und SK Hynix. Auch der taiwanesische TAIEX profitierte von der weltweiten Nachfrage nach KI- und Halbleiterwerten und gewann seit Jahresbeginn 59%. Das Schlusslicht bildete dagegen der Jakarta Composite Index, der das erste Halbjahr mit einem Minus von 34% beendete.

Quelle: eigene Darstellung
Rohstoffe und Alternative Anlagen
Der Preis für ein Fass Brent-Rohöl fiel im zweiten Quartal deutlich und sank gegenüber Ende März um nahezu 40% – von über USD 118 auf USD 73. Trotz dieser kräftigen Korrektur verblieb seit Jahresbeginn ein Anstieg von rund 20%. Massgeblich geprägt wurde die Preisentwicklung durch den Konflikt zwischen den USA und Iran sowie die Unsicherheit rund um den Schiffsverkehr in der Strasse von Hormus.
Der Kupferpreis legte im zweiten Quartal um 11% zu und verzeichnete seit Jahresbeginn einen Anstieg von 9.5%. Damit deuteten die Märkte auf eine nachlassende Belastung durch die Schwäche des chinesischen Immobiliensektors sowie auf eine robustere Nachfrage nach Industriemetallen hin.
Die Edelmetalle entwickelten sich dagegen deutlich schwächer. Gold verlor im zweiten Quartal 14%, Silber gab 20% nach. Seit Jahresbeginn resultierte damit ein Minus von 7% beziehungsweise 16%. Als Belastungsfaktoren galten insbesondere die Erwartungen einer restriktiveren globalen Geldpolitik, technische Gewinnmitnahmen sowie Berichte über erhöhte Liquiditätsbedürfnisse einzelner Zentralbanken im Nahen Osten.
Auch Kryptowährungen zählten im ersten Halbjahr zu den schwächsten Anlageklassen. Bitcoin verlor gegenüber dem US-Dollar 33%, Ethereum 47%. Der Bitcoin-Kurs fiel bis Ende Juni wieder unter die Marke von USD 60’000.

Quelle: eigene Darstellung
Währungen
Am Devisenmarkt blieben die Bewegungen im zweiten Quartal insgesamt moderat, auch wenn einzelne Währungspaare markante Entwicklungen verzeichneten. Besonders hervorzuheben ist USD/JPY, das mit über JPY 162 den höchsten Stand seit rund vier Jahrzehnten erreichte. Seit dem Amtsantritt der japanischen Premierministerin Anfang Oktober 2025 wertete der US-Dollar gegenüber dem Yen um knapp 10% auf, seit Jahresbeginn um 3.8%.
Das Währungspaar EUR/CHF beendete das zweite Quartal praktisch unverändert bei CHF 0.923 und damit auf dem Niveau von Ende März. Zu Jahresbeginn hatte der Euro noch bei CHF 0.931 notiert.
Der US-Dollar setzte seine Aufwertung gegenüber dem Schweizer Franken fort. USD/CHF stieg bis Ende Juni auf CHF 0.808, nach CHF 0.799 Ende März und CHF 0.793 Ende 2025. Trotz der politischen Unsicherheiten im Vereinigten Königreich legte auch das britische Pfund gegenüber dem Franken zu. GBP/CHF gewann im Quartalsverlauf 1.4% auf CHF 1.072. Der japanische Yen verlor dagegen gegenüber dem Schweizer Franken 1.3% im zweiten Quartal beziehungsweise 1.7% seit Jahresbeginn.
Der Dollar-Index (DXY) stieg im zweiten Quartal um 1.3% und verzeichnete seit Jahresbeginn einen Zuwachs von 2.9%, womit sich die relative Stärke der US-Währung gegenüber den wichtigsten Industrieländerwährungen fortsetzte.
Neben dem US-Dollar gehörte auch der Australische Dollar im ersten Halbjahr zu den stärksten Währungen. Gegenüber dem US-Dollar gewann er seit Jahresbeginn 3.9%, gegenüber dem Schweizer Franken 6.4%. Im Gegenzug verlor der Euro gegenüber dem Australischen Dollar 6.3%.

Quelle: eigene Darstellung
Ausblick
Viele der Risiken sind bekannt: weitere geopolitische Schocks, anhaltend hohe Inflationsraten, zunehmende Spannungen am Markt für Privatkredite oder die bevorstehenden US-Zwischenwahlen. Diese Risiken mögen reichlich Stoff für negative Narrative liefern, sind in den aktuellen Marktpreisen jedoch grösstenteils bereits berücksichtigt.
Die Wachstumserwartungen für die USA haben sich zuletzt deutlich eingetrübt. Das Atlanta Fed GDPNow-Modell schätzt das annualisierte Wachstum im zweiten Quartal per 1. Juli nur noch auf 1.2%, nachdem vor wenigen Wochen noch Werte von über 3% erwartet worden waren. Im ersten Quartal lag das Wachstum bei annualisierten 2.1%. Gleichzeitig ist die von der Prognoseplattform Kalshi implizierte Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession im laufenden Jahr seit Ende März von knapp 40% auf lediglich noch 7.5% gesunken (Stand: 4. Juli 2026).
Der Inflationsdruck hat dagegen vorübergehend wieder zugenommen. Im Mai stieg die US-Inflation auf 4.2%, die Kerninflation auf 2.9%. Gemäss dem Inflation Nowcasting-Modell der Cleveland Fed dürfte sich die Gesamtinflation jedoch bereits im Juni auf 3.9% und im Juli auf 3.5% abschwächen (Stand: 3. Juli 2026).
In der Eurozone schrumpfte das Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal um 0.2% beziehungsweise rund 0.8% auf annualisierter Basis, nachdem zunächst noch ein leichtes Wachstum erwartet worden war. Es war der erste Rückgang seit Ende 2022 und ist vor allem auf den markanten Konjunktureinbruch in Irland sowie energiebedingte Belastungen infolge des Nahostkonflikts zurückzuführen. Für das zweite Quartal rechnen die meisten Ökonomen wieder mit einer moderaten Erholung auf rund 0.25% beziehungsweise etwa 1% annualisiert. Gleichzeitig dürfte die Inflation ihren vorläufigen Höhepunkt bereits überschritten haben. Nach 3.2% im Mai lag die erste Schätzung für Juni bei 2.8%.
Vor diesem Hintergrund begann der Markt, weltweit synchron steigende Leitzinsen einzupreisen. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan erhöhten ihre Leitzinsen im Juni um jeweils 25 Basispunkte. Bereits zuvor hatte die Reserve Bank of Australia ihre Geldpolitik im gleichen Umfang gestrafft. Als nächste bedeutende Zentralbank dürfte im Juli die Reserve Bank of New Zealand folgen. Von den übrigen Notenbanken werden während der Sommermonate dagegen keine weiteren Zinsschritte erwartet.
Für die US-Notenbank preist der Markt bis zum Jahresende eine bis maximal zwei Zinserhöhungen nach der Sommerpause ein. Wir teilen diese Einschätzung nicht. Vielmehr erwarten wir, dass die Fed die Ergebnisse der neu eingesetzten Task Forces zunächst abwartet und ihre Geldpolitik vorerst unverändert lässt. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh kündigte zudem an, künftig auf eine Forward Guidance verzichten zu wollen. Gleichzeitig dürfte sich der Fokus der Notenbank stärker auf die Angebotsseite der Wirtschaft sowie auf Produktivitätsfortschritte durch neue Technologien verlagern. Sollte sich diese Sichtweise etablieren, müsste kräftiges Wirtschaftswachstum künftig nicht mehr automatisch als inflationstreibend interpretiert werden.
Für das dritte Quartal erwarten wir ein Goldilocks-Szenario mit solidem Wirtschaftswachstum und weiter sinkenden Inflationsraten – insbesondere dann, wenn sich die neue geldpolitische Sichtweise der Fed durchsetzt. Die beiden wichtigsten marktbestimmenden Faktoren bleiben aus unserer Sicht die Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz sowie die Lage im Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus. Zwar gilt das zweite Jahr des US-Präsidentschaftszyklus traditionell als besonders volatil, und neue Fed-Vorsitzende wurden von den Finanzmärkten in der Vergangenheit häufig früh auf die Probe gestellt. Allfällige Rückschläge an den Aktienmärkten würden wir dennoch eher als Kaufgelegenheit denn als Beginn eines neuen Bärenmarktes interpretieren. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Kredit- und Zinsmärkten: Vor allem die Entwicklung der verschiedenen Anleihe-Spreads dürfte ein verändertes makroökonomisches Umfeld frühzeitig signalisieren.
Anleihen
Nach der jüngsten Neubewertung der Zinserwartungen dürfte das Potenzial für einen weiteren markanten Renditeanstieg bei langlaufenden Staatsanleihen begrenzt sein. Sinkende Inflationsraten und eine vorerst abwartende US-Notenbank sprechen für ein insgesamt stabileres Umfeld. Gleichzeitig behalten Staatsanleihen ihre wichtige Funktion als Diversifikator innerhalb gemischter Portfolios, insbesondere falls geopolitische Risiken oder Konjunktursorgen vorübergehend wieder zunehmen sollten.
Besondere Aufmerksamkeit schenken wir derzeit der Zinsstrukturkurve der US-Staatsanleihen. Sollten die Renditen zehnjähriger Treasuries wieder unter jene zweijähriger Anleihen fallen, wäre dies ein klassisches Signal für eine deutliche Konjunktureintrübung. Ebenso würden wir einen nachhaltigen Anstieg des Renditeabstands zwischen 30- und 5-jährigen US-Staatsanleihen auf deutlich über 150 Basispunkte als Hinweis auf einen schwindenden Vertrauensvorschuss gegenüber der Fiskalpolitik und der langfristigen Schuldentragfähigkeit der USA interpretieren. Für ein solches Szenario sehen wir derzeit allerdings keine Anzeichen.

Quelle: Eigene Darstellung; 2. Juli 2026
Eine strategische Position in inflationsgeschützten Staatsanleihen halten wir weiterhin für sinnvoll. Geopolitische Spannungen, eine zunehmend fragmentierte Weltwirtschaft und das Risiko erneuter Energiepreisschocks sprechen dafür, den Schutz vor unerwarteten Inflationsüberraschungen auch in einem Umfeld rückläufiger Teuerungsraten beizubehalten.
Kredite
Das fundamentale Umfeld für Unternehmensanleihen bleibt insgesamt konstruktiv. Solides Wirtschaftswachstum, robuste Unternehmensgewinne und weiterhin tiefe Ausfallraten sprechen grundsätzlich sowohl für Investment-Grade- (IG) als auch für High-Yield-Anleihen. Gleichzeitig haben sich die Risikoaufschläge in vielen Marktsegmenten deutlich verengt, sodass das weitere Ertragspotenzial zunehmend aus den laufenden Zinszahlungen und weniger aus einer weiteren Spread-Einengung stammen dürfte.
Besondere Aufmerksamkeit gilt weiterhin dem Markt für Privatkredite. Sollten sich dort die Spannungen verstärken, dürfte eine Ausweitung der Kreditaufschläge zu den ersten Warnsignalen einer breiteren konjunkturellen Eintrübung zählen.
Vor diesem Hintergrund bevorzugen wir weiterhin Investment-Grade-Anleihen gegenüber Hochzinsanleihen und bleiben im Markt für Privatkredite ausgesprochen selektiv.
Aktien
Das fundamentale Umfeld spricht weiterhin für Aktien. Erwartete sinkende Inflationsraten, robuste Unternehmensgewinne und eine weniger restriktive Geldpolitik der US-Notenbank bilden ein günstiges Fundament für Risikoanlagen. Gleichzeitig verlangen die nach der aussergewöhnlichen Kursentwicklung erreichten Bewertungen zunehmend nach einer entsprechenden Gewinnentwicklung. Nicht zufällig ist zuletzt vermehrt von einer möglichen „Earnings Bubble“ die Rede – also der These, wonach die derzeit hohen Unternehmensgewinne langfristig nicht nachhaltig seien und teilweise lediglich die Kehrseite hoher Staatsdefizite und tiefer privater Sparquoten darstellten.
Wir erachten diese Sorge derzeit als verfrüht. Die strukturellen Wachstumstreiber bleiben aus unserer Sicht intakt. Insbesondere Investitionen in Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung dürften die Produktivität und damit auch die Unternehmensgewinne weiter stützen. Vorübergehende Marktkorrekturen würden wir deshalb weiterhin eher als taktische Kaufgelegenheiten denn als Beginn eines nachhaltigen Bärenmarktes interpretieren.
Innerhalb der Aktienallokation erscheint allerdings eine leicht höhere Gewichtung defensiver Sektoren wie Gesundheitswesen, Versorger und Basiskonsumgüter sinnvoll. Diese Bereiche weisen erfahrungsgemäss eine geringere Konjunktursensitivität auf und können das Portfolio in einem volatileren Marktumfeld stabilisieren.
Rohstoffe und Alternative Anlagen
Gold bleibt trotz erwarteter sinkender Inflationsraten strategisch attraktiv. Die anhaltend hohe Nachfrage der Zentralbanken, geopolitische Unsicherheiten sowie die weltweit hohe Staatsverschuldung sprechen weiterhin für eine strukturell robuste Nachfrage. Silber dürfte zusätzlich von seiner Doppelfunktion als Edel- und Industriemetall profitieren und gegenüber Gold weiteres Aufholpotenzial besitzen. Anleger sollten jedoch berücksichtigen, dass Silber historisch deutlich stärkeren Preisschwankungen unterliegt als Gold.
Beim Erdöl bleibt der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus der wichtigste geopolitische Risikofaktor. Angebotsunterbrüche könnten jederzeit zu temporären Preissprüngen führen. Gegen dauerhaft höhere Ölpreise spricht jedoch der Faktor Zeit: Die Terminstruktur am Ölmarkt signalisiert derzeit keine anhaltenden Versorgungsengpässe und damit auch keine nachhaltig höheren Preisniveaus.
Die Perspektiven für Industriemetalle bleiben konstruktiv. Eine Stabilisierung der Weltkonjunktur sowie Investitionen in Elektrifizierung, Rechenzentren und Infrastruktur sprechen insbesondere für eine anhaltend robuste Nachfrage nach Kupfer.
Währungen
Für den US-Dollar erwarten wir gegenüber dem Schweizer Franken im weiteren Jahresverlauf eine stabile bis leicht schwächere Entwicklung. Sollte die Fed tatsächlich eine längere Zinspause einlegen und gleichzeitig die globale Risikobereitschaft hoch bleiben, dürfte der Dollar einen Teil seines bisherigen Zinsvorteils verlieren. In Phasen erhöhter Unsicherheit bleibt er jedoch weiterhin ein bedeutender sicherer Hafen.
Beim Euro gegenüber dem Schweizer Franken rechnen wir mit einer weitgehend stabilen Entwicklung. Die konjunkturelle Erholung im Euroraum und die restriktivere Haltung der Europäischen Zentralbank sollten den Euro stützen, während der Franken aufgrund seiner Safe-Haven-Eigenschaften strukturell gut unterstützt bleibt.
Positiv überraschen könnte dagegen das britische Pfund. Die Positionierung am Terminmarkt ist derzeit ausgesprochen pessimistisch und spricht aus konträrer Sicht für ein gewisses Aufwertungspotenzial.
Schlussfolgerung
Das Marktumfeld bleibt anspruchsvoll, präsentiert sich jedoch robuster, als es die Schlagzeilen oftmals vermuten lassen. Viele der dominierenden Risiken sind bekannt und dürften in den Marktpreisen bereits weitgehend reflektiert sein. Entscheidend wird in den kommenden Monaten deshalb weniger sein, welche Risiken bestehen, sondern ob sie die bislang bemerkenswert widerstandsfähige Weltwirtschaft tatsächlich aus dem Gleichgewicht bringen.
Unser Basisszenario bleibt ein Goldilocks-Umfeld mit moderatem Wachstum, rückläufiger Inflation und einer US-Notenbank, die sich zunehmend an langfristigen Produktivitätsentwicklungen statt an kurzfristigen Inflationsschwankungen orientiert. Solange sich dieses Szenario bestätigt und weder die Kredit- noch die Anleihemärkte nachhaltige Stresssignale aussenden, bleiben wir für Risikoanlagen konstruktiv. Vorübergehende Marktkorrekturen würden wir deshalb eher als Gelegenheit zur Portfoliooptimierung denn als Vorboten eines neuen Bärenmarktes interpretieren.
Sollte sich die neue geldpolitische Philosophie der US-Notenbank tatsächlich etablieren, könnte sie den Beginn eines neuen geldpolitischen Regimes markieren – vergleichbar mit den prägenden Epochen unter Paul Volcker oder Alan Greenspan. Sollte diese Sichtweise die künftige Geldpolitik tatsächlich prägen, hätte dies weitreichende Konsequenzen für Anleihen, Aktien und Währungen – weit über das laufende Quartal hinaus.
https://www.hoover.org/research/inflation-choice-kevin-warsh-fixing-federal-reserve