Finanzmärkte im Banne hoher und steigender Anleiherenditen
Trotz der hohen Renditen an den Anleihemärkten bewiesen die Aktienmärkte bislang eine aussergewöhnliche Resilienz. Im Technologiesektor kam es zu einer Trendumkehr: Während der zuvor heiss gelaufene Halbleitersektor zuletzt Terrain einbüsste, legte der zuvor stark gebeutelte Softwaresektor deutlich zu.
Das robuste wirtschaftliche Umfeld zeigte sich auch bei den Unternehmensanleihen. Die Kreditspreads für Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen verharrten trotz höherer Zinslast auf engen Niveaus.
Am Devisenmarkt verzeichnete der japanische Yen nach koordinierten Interventionen eine volatile Bodenbildung. Der australische Dollar legte gegenüber den meisten Handelswährungen zu. Im vergangenen Monat verlor der Schweizer Franken gegenüber dem Euro leicht, während er gegenüber dem US-Dollar leicht zulegte.
Nach einem starken Rückschlag von den Höchstständen zu Jahresbeginn zeigte sich Gold zuletzt unbeeindruckt von den hohen Realzinsen und legte im August um über 10% zu.
Das US-Wachstum blieb solide. Die letzte Schätzung für das dritte Quartal belief sich auf 4.7% (Atlanta Fed GDPNow, Stand: 3. September 2026). Damit wurde kaum mehr mit einer Rezession vor Ende 2026 gerechnet. Die US-Kerninflation für August und September wurde auf 2.4% bzw. 2.3% geschätzt. Wurden hingegen lediglich die Daten des dritten Quartals annualisiert, ergab sich eine Kerninflation von 1.9% (Cleveland Fed Inflation Nowcasting, Stand: 4. September 2026).
Die hohen und weiter steigenden Anleiherenditen bei gleichzeitig stabilen, wenn auch leicht über dem Ziel liegenden Inflationserwartungen rückten die Reaktionsfunktion der US-Notenbank erneut in den Fokus der Anleger. Ihr Vorsitzender Kevin Warsh hielt Ende August in Jackson Hole eine viel beachtete Rede zu geldpolitischen Prinzipien und ihrer praktischen Umsetzung. Auffallend war, dass er – anders als seine Vorgänger und viele Marktteilnehmer – keinen grundsätzlichen Gegensatz zwischen solidem Wachstum bei Vollbeschäftigung und einer tieferen Inflationsrate sah. Zudem betonte er die Bedeutung des durch Zentralbank und Finanzsystem geschaffenen Geldes für die Finanzkonditionen und die Preise.
Warsh hatte bereits zuvor darauf hingewiesen, dass der Anleihemarkt einen Teil der geldpolitischen Straffung übernehme: Nach den letzten Zinssenkungen sind die langfristigen Renditen deutlich gestiegen und haben damit die Finanzierungsbedingungen verschärft. Eine Erhöhung der kurzfristigen Leitzinsen könnte diesen Effekt sogar teilweise wieder umkehren, sollten die langfristigen Renditen daraufhin fallen. Für die Wirtschaft sind jedoch gerade diese langfristigen Finanzierungskosten von grösserer Bedeutung.
Der Markt erwartete mit einer Wahrscheinlichkeit von 59% eine Zinserhöhung der US-Fed um 0.25% am 16. September (CME FedWatch Tool, Stand: 5. September 2026). Wir rechnen dagegen nicht mit einer Zinserhöhung. Aus den bisherigen Aussagen von Warsh und unserer Einschätzung der makroökonomischen Lage ergibt sich für uns kein ausreichender Grund für einen unmittelbaren Zinsschritt. Das solide Wirtschaftswachstum geht mit einer sich abschwächenden Kerninflation einher, während die bereits deutlich gestiegenen langfristigen Renditen die finanziellen Bedingungen spürbar gestrafft haben.
Bei anderen wichtigen Zentralbanken zeichnete sich eine restriktivere Geldpolitik ab. Für die kommenden Sitzungen werden sowohl von der EZB als auch von der Bank of Japan und der Reserve Bank of Australia Zinserhöhungen erwartet.
Für die kommenden Monate gehen wir von einem makroökonomischen Goldilocks-Szenario mit solidem Wirtschaftswachstum und rückläufigen Inflationsraten aus. Produktivitätssteigerungen und Basiseffekte dürften dazu beitragen.
Trotzdem gilt: Wir wissen nicht – niemand weiss es –, was die Zukunft bringt und welche Ereignisse eintreten werden. Umso wichtiger erscheinen uns ein durchdachter Anlageprozess und eine solide Portfoliokonstruktion.
Der September gilt für die Aktienmärkte historisch als einer der schwächsten Monate. Auch die US-Zwischenwahlen Anfang November und die weiterhin schwelenden geopolitischen Krisenherde könnten für erhöhte Volatilität sorgen. Grössere Rückschläge erachten wir jedoch eher als selektive Kaufgelegenheiten bei Aktien denn als Beginn eines Bärenmarkts. Wir bleiben vorderhand vorsichtig optimistisch.
Die Renditen von Staatsanleihen haben attraktive Niveaus erreicht und sollten bei einer sich eintrübenden Konjunktur einen gewissen Schutz bieten. Besonders interessant erscheinen uns inflationsgeschützte Anleihen, bei denen sich derzeit relativ hohe reale Renditen sichern lassen.
Im Kreditbereich meiden wir das High-Yield-Segment und bevorzugen Investment-Grade-Anleihen. Die massive Kreditaufnahme durch erstklassige Hyperscaler dürfte hier als Erstes zu einem „Crowding-out“-Effekt führen.
Im Sinne von John Pierpont Morgans berühmtem Zitat „Gold is money. Everything else is credit“ betrachten wir Gold eher als Währung und nicht als Rohstoff. Das gelbe Metall bleibt ein wichtiger und stabilisierender Baustein im Portfolio.
Bei den Währungen würde uns ein deutlicher Anstieg des japanischen Yen nicht überraschen. Die Unterbewertung gegenüber der Kaufkraftparität ist unseres Erachtens schlicht zu ausgeprägt. Der Euro dürfte in den kommenden Monaten tendenziell zur Stärke, der US-Dollar eher zur Schwäche neigen. Der Schweizer Franken sollte seinen Status als „sicherer Hafen“ behalten. Das heisst: Der CHF dürfte leicht nachgeben, solange die gute Stimmung an den Finanzmärkten anhält, und zulegen, sollten unerwartet Turbulenzen auftreten.