In der Politik zählen nicht die Prinzipien, sondern die Umstände.

Monatsbericht Mai 2026

Die Illusion moralischer Reinheit in einer Welt harter Entscheidungen

Datum
04. Mai 2026
Kategorien

Trotz anhaltender kriegerischer Auseinandersetzungen erreichten die Aktienmärkte gegen Ende April neue Höchststände. Für den S&P 500 war April 2026 sogar der beste Monat seit 2020. Seit Jahresbeginn legte der US-Leitindex um 5.6% zu, während der technologielastige Nasdaq Composite um 8.1% avancierte. Der auf Nebenwerte fokussierte Russell 2000 gewann seit Ende Dezember 13.3%. Weniger positiv entwickelte sich Europa seit dem Kriegsausbruch Ende Februar: Der STOXX 600 lag im bisherigen Jahresverlauf noch 3.1% im Plus, während der Swiss Leader Index mit einem Minus von 2.0% in den negativen Bereich rutschte. In Asien gehörten Südkorea (+57%), Taiwan (+34%) und Japan (Nikkei 225: +18%) zu den klaren Gewinnern, während der Shanghai Composite um 3.6% zulegte.

Nach einer Phase der Seitwärtsbewegung und leichter Rückgänge bis Anfang März – in der die Anleihemärkte noch auf weitere Zinssenkungen hofften – führte die Kombination aus geopolitischen Spannungen und hartnäckiger Inflation zu einer klaren Trendwende. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen stiegen bis Anfang Mai weltweit deutlich an. US-Treasuries rentierten zuletzt bei 4.38% (Ende 2025: 4.15%). Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen lag mit 3.89% sogar über dem Zielband der Leitzinsen von 3.50-3.75%, was auf eine mögliche Zinserhöhung hindeutet. Auch die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen stieg seit März und lag zuletzt bei 3.03% (Ende 2025: 2.86%). Im Vereinigten Königreich erhöhten sich die Renditen zehnjähriger Gilts auf 4.97% (Ende 2025: 4.47%), während sie in der Schweiz auf 0.39% zulegten (von 0.32%).

Bei den Notenbanken der grossen Währungsräume zeichnete sich ein klarer Richtungswechsel ab. Während zu Jahresbeginn noch Zinssenkungen erwartet wurden, führten der Energiepreisschock, hartnäckige Inflation und robuste Arbeitsmärkte zu einem vorläufigen Ende dieses Narrativs. In Australien kam es sogar zu zwei Zinserhöhungen. Auch in den USA, Europa und der Schweiz werden derzeit keine Zinssenkungen mehr für 2026 erwartet. In den Schwellenländern hingegen begannen Russland und Brasilien – von deutlich höheren Niveaus ausgehend – vorsichtig mit Zinssenkungen.

Im Kreditsegment weiteten sich die Spreads für Hochzinsanleihen bis Ende März deutlich aus – in den USA von 281 auf 386 Basispunkte, in Europa von 270 auf 337 Basispunkte. Im April setzte jedoch eine Gegenbewegung ein, sodass die Spreads zuletzt bei 283 Basispunkten (USA) beziehungsweise 280 Basispunkten (Europa) lagen. Insgesamt entwickelten sich Hochzinsanleihen im bisherigen Jahresverlauf leicht besser als Investment-Grade-Anleihen. Im Bereich Private Debt und Private Credit zeigte sich eine gewisse Stabilisierung ohne weitere Ansteckungseffekte.

An den Rohstoffmärkten dominierte die aussergewöhnliche Entwicklung im Energiesektor. Brent- und WTI-Rohöl verzeichneten seit Jahresbeginn Preissteigerungen von rund 78%. Die Dynamik bei Gold und Silber schwächte sich in den vergangenen Monaten ab; zuletzt lag Gold noch 6.9% und Silber 5.7% über dem Stand von Ende 2025. Kupfer entwickelte sich dagegen zuletzt wieder fester und lag 5.8% höher. Bitcoin und Ethereum konnten sich zuletzt zwar erholen, notierten aber weiterhin deutlich unter ihren Jahresanfangsniveaus (Bitcoin: -10%, Ethereum: -22% gegenüber USD).

Am Devisenmarkt stach die Stärke des australischen Dollars hervor. EUR/USD bewegte sich seit Jahresbeginn in einer Bandbreite von 1.15 bis 1.20 und lag zuletzt bei 1.172. Der Schweizer Franken wertete gegenüber dem US-Dollar um 1.4% auf (auf 0.782) und gewann gegenüber dem Euro 1.6% (auf 0.916).

Das Wachstum der US-Wirtschaft lag im ersten Quartal 2026 gemäss erster Schätzung bei 2.0%. Für das zweite Quartal wird derzeit ein Wachstum von 3.5% erwartet (Atlanta Fed GDPNow, Stand 1. Mai 2026). Die jährliche Inflationsrate lag zuletzt bei 3.3%, mit erwarteten Werten von 3.56% für April und 3.88% für Mai (Cleveland Fed Nowcasting, Stand 1. Mai 2026). Solides Wachstum, ein robuster Arbeitsmarkt und erhöhte Inflationsraten sprechen gegen kurzfristige Zinssenkungen. Zudem dürfte es im Monatsverlauf zu einem Führungswechsel an der Spitze der Federal Reserve kommen.

Es ist bemerkenswert einfach, an Überzeugungen festzuhalten, wenn man nicht selbst Entscheidungen treffen muss. Aus der Distanz erscheint moralische Klarheit oft selbstverständlich, und politische Entscheidungen werden durch die Linse persönlicher Präferenzen beurteilt. Die zunehmende Verbreitung sogenannter „Derangement Syndromes“ illustriert diese Tendenz, bei der Meinungen die Mechanik des Regierens überlagern. Doch die Realität ist weniger eindeutig: In der politischen Praxis sind Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ häufig zweitrangig gegenüber dem, was unter den gegebenen Umständen möglich und notwendig ist. Führung bedeutet nicht ideologische Reinheit, sondern die Fähigkeit, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Wer sich zu stark auf Persönlichkeiten fokussiert, verkennt die strukturellen Kräfte – und übersieht, dass Überzeugungen zwar unsere Ziele definieren, während es aber die Umstände sind, welche die Ergebnisse bestimmen.

Vor diesem Hintergrund gilt es, emotionale Verzerrungen in der Anlageentscheidung zu vermeiden. Basierend auf den aktuellen Daten erwarten wir in den kommenden Monaten ein Reflationsszenario mit erhöhtem Wachstum und steigender Inflation. Alternativ ist auch ein Goldilocks-Szenario denkbar, geprägt von solidem Wachstum bei nachlassendem Inflationsdruck.

Beide Szenarien sprechen grundsätzlich für Risikoanlagen. Auch die Marktsignale werten wir derzeit vorsichtig positiv für globale Aktien. Unterstützend wirken zudem ein robustes Gewinnwachstum und die Dynamik rund um künstliche Intelligenz, die einen fundamentalen Gegenpol zu den Risiken steigender Energiepreise und höherer Zinsen bilden. Wir halten an unserer global diversifizierten Aktienallokation fest und prüfen, Rückschläge selektiv zum Ausbau der Positionen zu nutzen.

Im Anleihebereich bevorzugen wir weiterhin mittlere Laufzeiten zwischen drei und sieben Jahren. Das aktuelle Renditeniveau erscheint attraktiv, während gleichzeitig ein gewisser Schutz vor konjunkturellen Abschwächungen besteht.

Im Kreditsegment favorisieren wir Investment-Grade-Anleihen gegenüber Hochzinsanleihen und bleiben bei Private Credit selektiv. Ein potenzieller Stresstest steht gegen Ende Juni an, wenn grössere Rücknahmevolumina erwartet werden. Engagements in Anleihen von Schwellenländern mit Netto-Rohstoffexport erscheinen weiterhin prüfenswert.

Trotz möglicher kurzfristiger Rücksetzer halten wir an unserer strategischen Goldallokation fest. Gold bleibt ein zentraler Baustein zur Absicherung gegen geld- und fiskalpolitische Risiken.

Trendfolge-Strategien (CTAs) haben sich im bisherigen Jahresverlauf bewährt und leisten aufgrund ihrer geringen Korrelation einen wichtigen Beitrag zur Diversifikation.

Im Währungsbereich erwarten wir weiterhin einen starken Schweizer Franken gegenüber EUR und USD. Positiv überraschen könnten Rohstoffwährungen wie AUD, NZD und CAD. Auch beim japanischen Yen sehen wir Aufwertungspotenzial, nicht zuletzt aufgrund seiner deutlichen Unterbewertung gemessen an der Kaufkraftparität.

„Das Hauptproblem des Investors – und sogar sein schlimmster Feind – ist er höchstwahrscheinlich selbst.“
Benjamin Graham |
The Intelligent Investor (1949)
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