Der US-Aktienmarkt setzte seine aussergewöhnliche Rally im Mai fort. Der S&P 500 schloss zum Monatsende die neunte Woche in Folge im Plus – die längste Gewinnserie seit Dezember 2023 und in diesem Jahrhundert erst zum zweiten Mal nach Anfang 2004. Solch ausgedehnte Aufwärtsbewegungen sind historisch selten: Seit Ende des Zweiten Weltkriegs war dies erst das elfte Mal. Besonders ausgeprägt fiel die Dynamik im Technologiesektor aus. Der Nasdaq Composite gewann in den Monaten April und Mai zusammen 25% und verzeichnete damit seine stärkste Zweimonatsphase seit Oktober und November 2002. Der S&P 500 legte im selben Zeitraum um gut 16% zu – der stärkste Anstieg über zwei Monate seit 2020. Der Small-Cap-Index Russell 2000 stieg seit Ende März um knapp 17% und entwickelte sich damit im bisherigen Jahresverlauf besser als die drei grossen US-Indizes (S&P 500: +10.7%; Nasdaq Composite: +16.1%; Dow Jones Industrial Average: +6.2%).
Auch die europäischen Aktienmärkte tendierten in den Monaten April und Mai freundlich, wenn auch weniger dynamisch als die USA. Der paneuropäische Stoxx 600 gewann in den beiden Monaten 7.3% und lag seit Jahresbeginn 5.6% im Plus. Der Swiss Leader Index legte im selben Zeitraum um 6.2% zu, blieb mit einem Jahresplus von 0.8% bislang jedoch zurück.
Regional führten seit Jahresbeginn die Aktienmärkte in Südkorea (KOSPI: +101%), Taiwan (+54%) und Japan (Nikkei 225: +32%).
An den Anleihemärkten verlor der Renditeanstieg in der zweiten Maihälfte an Dynamik. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen schloss den Monat bei 4.46%, nachdem sie zwischenzeitlich bis auf 4.68% gestiegen war (Ende 2025: 4.15%). Auch in Europa und Japan gaben die langfristigen Renditen zum Monatsende wieder leicht nach. Zehnjährige Bundesanleihen fielen unter die Marke von 3% und beendeten den Monat bei 2.93%. Japanische Staatsanleihen rentierten zuletzt bei 2.66%, nachdem im Monatsverlauf mit über 2.80% der höchste Stand seit nahezu drei Jahrzehnten erreicht worden war. Die Rendite zehnjähriger Eidgenossen sank auf 0.39%, nach zwischenzeitlich knapp 0.60%.
Das insgesamt freundlichere Risikoumfeld spiegelte sich auch im Kreditsegment wider. Die Kreditaufschläge gingen beidseits des Atlantiks weiter zurück und lagen zum Monatsende bei 272 Basispunkten für hochverzinsliche Unternehmensanleihen. Im bisherigen Jahresverlauf entwickelten sich High-Yield-Anleihen leicht besser als Investment-Grade-Titel.
An den Rohstoffmärkten nahm die Volatilität zuletzt spürbar ab. Der Preis für Brent-Rohöl fiel auf USD 93 pro Fass, nachdem Ende April noch mehr als USD 120 bezahlt worden waren. Seit Jahresbeginn resultierte dennoch ein Anstieg von 53%. Kupfer setzte seinen Aufwärtstrend fort und lag seit Jahresbeginn mit über 12% im Plus. Gold gab zuletzt leicht nach, behauptete aber weiterhin einen Zuwachs von gut 5% seit Jahresbeginn.
An den Devisenmärkten überraschte in den letzten Wochen insbesondere der Neuseeland-Dollar mit einer robusten Entwicklung gegenüber den meisten Währungen.
Das Währungspaar EUR/CHF setzte seine leichte Abwärtsbewegung fort und schloss den Monat bei CHF 0.911 (Ende 2025: 0.931). Der Euro verbilligte sich damit seit Jahresbeginn um 2.2% gegenüber dem Schweizer Franken. Auch USD/CHF bewegte sich im Monatsverlauf nur wenig und lag zum Monatsende bei CHF 0.782 (Ende 2025: 0.793). Seit Jahresbeginn entspricht dies einer Abwertung des US-Dollars von 1.4% gegenüber dem Franken.
EUR/USD verharrte derweil weiterhin in einer engen Handelsspanne. Seit Jahresbeginn bewegte sich das Währungspaar zwischen USD 1.14 und USD 1.20. In den letzten Wochen nahm die Schwankungsbreite zusätzlich ab: Seit Ende März reduzierte sich die Bandbreite von USD 1.15 bis USD 1.18 auf zuletzt nur noch USD 1.16 bis USD 1.17.
In den USA wuchs das Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal annualisiert um 1.6%. In der ersten Schätzung hatte das Wachstum noch bei 2.0% gelegen. Trotz der Revision nach unten lag die Expansion deutlich über dem schwachen Vorquartal (Q4 2025: +0.5%). Für das zweite Quartal wird derzeit wieder ein kräftigeres Wachstum von 3.8% erwartet (Atlanta Fed GDPNow, Stand: 28. Mai 2026). Die Rezessionssorgen sind damit vorerst in den Hintergrund gerückt.
Weniger erfreulich entwickelte sich zuletzt die Inflation. Die US-Inflationsdaten für März und April signalisierten eine erneute Beschleunigung des Preisauftriebs. Getrieben durch externe Angebotsschocks – insbesondere steigende Energiepreise im Zuge geopolitischer Spannungen – zogen sowohl die Gesamt- als auch die Kerninflation wieder an. Die Gesamtinflation erreichte im April mit 3.8% den höchsten Stand seit Mai 2023, nach 3.3% im März und 2.4% im Februar. Auch die Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) erhöhte sich auf 2.8%, nachdem sie in den beiden Vormonaten bei 2.6% beziehungsweise 2.5% gelegen hatte.
Die Wirtschaft der Eurozone expandierte im ersten Quartal lediglich moderat. Gegenüber dem Vorquartal resultierte saisonbereinigt ein Wachstum von 0.1%, annualisiert rund 0.4%. Gleichzeitig deuteten die Einkaufsmanagerindizes (PMI) zuletzt auf eine erneute Abschwächung hin und signalisierten für das zweite Quartal ein mögliches Abrutschen in den kontraktiven Bereich.
Die Inflationsentwicklung in der Eurozone fiel dagegen überraschend stark aus. Die Gesamtinflation stieg im April auf 3.0% und erreichte damit den höchsten Stand seit September 2023 (März: 2.6%). Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel gab dagegen leicht auf 2.2% nach (März: 2.3%). Im Ländervergleich lagen die Teuerungsraten bei 3.5% in Spanien, 2.9% in Deutschland, 2.8% in Italien und 2.5% in Frankreich.
Auch die Erwartungen an die Geldpolitik der Notenbanken haben sich im Verlauf des Jahres 2026 verändert. Aus dem zu Jahresbeginn erwarteten synchronen Zinssenkungszyklus ist zunehmend die Erwartung moderater Zinserhöhungen geworden. Das grösste Aufwärtspotenzial bei den Leitzinsen wird derzeit für Neuseeland, die Eurozone und Japan eingepreist. In der Schweiz, den USA und Australien werden hingegen kaum Zinserhöhungen erwartet. Das Vereinigte Königreich und Kanada liegen mit jeweils einem erwarteten Zinsschritt um 25 Basispunkte im Mittelfeld.
Im Fokus der Anleger steht nun der Zinsentscheid der US-Notenbank am 17. Juni, erstmals unter der Leitung von Kevin Warsh. Der Markt rechnet derzeit nicht mit einer Anpassung der Leitzinsen. Bereits am 11. Juni tagt die EZB, wo ein Zinsschritt nach oben erwartet wird. Die Sitzungen der SNB und der Bank of England folgen am 18. Juni; dort wird derzeit keine Veränderung erwartet.
Besondere Aufmerksamkeit dürfte jedoch weniger dem Entscheid selbst als den Aussagen von Kevin Warsh gelten. Er hatte in den vergangenen Jahren wiederholt Kritik an der Geldpolitik der Fed geäussert – insbesondere am starken Anstieg der Bilanzsumme. Sein Ziel dürfte darin bestehen, die Bilanz schrittweise zurückzuführen und dadurch zusätzlichen Spielraum für spätere Zinssenkungen zu schaffen. Gleichzeitig erwarten wir, dass er dem Wirtschaftswachstum und der Angebotsseite der Volkswirtschaft künftig grösseres Gewicht beimessen wird – auch mit dem Ziel, die in den vergangenen Jahren häufig angebotsseitig getriebene Inflation nachhaltiger einzudämmen.
Für die kommenden Quartale gehen wir weiterhin von einem Goldilocks-Szenario mit solidem Wachstum und rückläufigen Inflationsraten aus. Solange die US-Notenbank in diesem Umfeld auf weitere Zinserhöhungen verzichtet, bleiben die Voraussetzungen für ein konstruktives Umfeld an den Aktienmärkten grundsätzlich intakt. Regional bevorzugen wir weiterhin die USA gegenüber Europa. Zwar notieren viele Aktienmärkte inzwischen nahe oder auf Rekordständen. Die Positionierung an den Futures-Märkten spricht jedoch bislang nicht für eine ausgeprägte Euphorie. Die milliardenschweren Börsengänge der kommenden Monate (SpaceX, Anthropic, OpenAI u.a.) sowie das zweite Jahr des US-Präsidentschaftszyklus mahnen zwar zu einer gewissen Vorsicht, trotzdem bleiben wir insgesamt vorsichtig optimistisch.
Bei erstklassigen Staatsanleihen bevorzugen wir weiterhin mittlere Laufzeiten und betrachten die Anlageklasse primär unter Diversifikationsgesichtspunkten. Gleichzeitig erwarten wir nicht, dass eine Reduktion der Fed-Bilanz zu einem markanten Anstieg langfristiger Renditen führen wird – auch weil parallel dazu mit regulatorischen Erleichterungen für Banken gerechnet werden könnte.
Im Unternehmensanleihesegment bevorzugen wir Investment-Grade- gegenüber Hochzinsanleihen, da die Kreditaufschläge weiterhin nahe historischer Tiefstände liegen. Prüfenswert erscheinen kurzfristige Schwellenländeranleihen rohstoffreicher Staaten. Im Bereich Private Credit bleiben wir selektiv.
Unsere strategische Allokation in Gold behalten wir unverändert bei. Nach einer Phase der Konsolidierung dürfte der mittelfristige Aufwärtstrend wieder an Dynamik gewinnen. Gleichzeitig bleibt Gold ein potenzieller Stabilisator in volatileren Marktphasen. Beim Erdöl erwarten wir kurzfristig weiter nachgebende Preise, während wir für Kupfer konstruktiv bleiben.
An den Devisenmärkten rechnen wir weiterhin mit einem festen Schweizer Franken gegenüber EUR und USD. Die Rohstoffwährungen CAD, AUD und NZD könnten angesichts der weiterhin zurückhaltenden Positionierung zusätzliches Aufwertungspotenzial besitzen. Dies gilt insbesondere auch für den japanischen Yen. Dieser handelt weiterhin deutlich unter seiner Kaufkraftparität und bietet zusätzlich Eigenschaften einer Krisenwährung in volatileren Marktphasen. Für EUR/USD erwarten wir in den kommenden Wochen tendenziell höhere Notierungen – insbesondere dann, wenn die EZB die Leitzinsen anhebt und die Fed Spekulationen über weitere Zinserhöhungen entschlossen zurückweist.